Hoffen, Bangen, Trösten in der Chemoambulanz
01.12.2025
Behaglich und warm ist er, der Raum, in dem Frauen auf ihre Zukunft hoffen, die Wiederherstellung ihrer Gesundheit, ihres Alltags, darauf, ihre Kinder oder Enkel großwerden zu sehen, auf die Rückkehr an den Arbeitsplatz – in vielen Fällen auf die Schrumpfung ihres Brusttumors. Doch nicht nur neuerkrankte Patientinnen vor einer OP nehmen hier regelmäßig Platz, sondern auch Frauen, die nach erfolgtem Eingriff eine Sicherheits-Chemo erhalten, und solche, deren Metastasen so lange wie möglich in Schach gehalten werden sollen – für eine möglichst lange verbleibende Lebenszeit und -qualität. Allen gemeinsam ist: „Die Patientinnen leisten hier Hochleistungssport. Körper und Seele müssen mit der Behandlung zurechtkommen“, sagt Kathleen Weigand. Als Medizinische Fachangestellte mit onkologischer Spezialisierung begleitet sie in der Chemoambulanz der Klinik Oranienburg die Patientinnen des Brustkrebszentrums Oberhavel. Vereinzelt werden auch männliche Betroffene behandelt.
„Chemo ist Vertrauenssache“, sagt Weigand. Von Anfang an: „Das Aufklärungsgespräch ist das A und O. Wir holen Frauen jeden Alters in einer Notlage ab, wir müssen Sicherheit vermitteln.“ Viele Neuerkrankte sähen ein Bild aus älteren Filmen vor sich: „Chemo ist giftig, man erbricht, liegt leidend im Bett und die Autonomie ist dahin. Viele Frauen fürchten den Haarverlust, der die Erkrankung sichtbar macht. Mütter haben Angst, sich nicht mehr kümmern zu können. Packt der Partner das allein mit den Kindern?“
Dabei laufe der Alltag – mit Abstrichen – in vielen Fällen weiter; und die Chemotherapie von vor zehn Jahren sei mit der heutigen schon nicht mehr vergleichbar, weiß Ann Labinski, Bereichsleitung der Gynäkologie und Geburtshilfe. Die Liste der beschriebenen Nebenwirkungen sei lang; man merke, ob sich die Patientin, die vor einem sitze, belesen habe, sagt die onkologische Fachschwester. Das sei gut so, aber schüre mitunter die Angst. „Dabei ist jede Patientin anders, die eine hat mehrere Nebenwirkungen, die andere keine einzige“, stellt sie klar. Außerdem gebe es zu den Infusionsarten eine passende Vormedikation sowie Mittel für zu Hause, um Beschwerden abzufedern. Und: Mit Antikörper- und Immuntherapie sind neue Wege der begleitenden Behandlung hinzugekommen, die die Prognose enorm verbessern.
„Keiner möchte hier sitzen“, sagt Ann Labinski mit Blick auf die weichen roten Sessel mit Liegefunktion, auf die Blumen an der Wand und den Getränkewagen. „Bei der ersten Chemo rollen immer Tränen, da kanalisiert sich die Angst“, sagt Kathleen Weigand. Dann spende sie eine Umarmung und Trost; die Zeit müsse man sich nehmen. Und doch komme in den Runden, die man bewusst mische – Krankheitserfahrene und Neuerkrankte – oft Stimmung auf. „Manche Patientinnen freuen sich, jemanden wiederzutreffen; sie lachen, klönen, geben sich Tipps, muntern einander auf.“ Ansonsten verbringe jede die Sitzungen nach Geschmack: mit Buch, Tablet, Stricken, Musik, Schlaf.
Kathleen Weigand zeigt in einem Nebenraum ein fünf Meter langes Regal. Darin lagern die Patientinnenordner aus zehn Jahren. „Ich kann mich an fast jede Frau und ihr Schicksal erinnern“, sagt sie. Jede Geschichte nähmen sie mit heim, sagen Weigand und Labinski. Wenn Frauen, die sie begleitet hatten, es nicht schafften, berühre sie das sehr. „Aber viele andere, die wieder fit sind und auf der Straße dankbar grüßen, machen glücklich.“ Deshalb sei ihr Job so erfüllend. Am Ende eines Zyklus, der mehrere Monate dauern kann, sagten viele Frauen: „War ja wirklich nicht so schlimm wie gedacht“. Inklusive engmaschiger Nachsorge und -medikation bleiben sie aber oft bis zu 1,5 Jahre im Brustkrebszentrum angebunden. „Wir sind eine lange Zeit Seelentröster, Motivator und Wegbegleiter“, fasst es Ann Labinski zusammen. „Manchmal vermissen die Frauen uns nach dieser intensiven Zeit sogar ein wenig“, sagt Kollegin Kathleen Weigand lächelnd und schließt die Archivtür. Sie geht in ihr Büro zurück. Die nächste Patientin wartet auf ihr Aufklärungsgespräch.
Das Brustkrebszentrum Oberhavel
Im seit 2013 zertifizierten Brustkrebszentrum arbeiten alle Behandlungspartner, die für eine schnelle Diagnostik und Therapie benötigt werden, Hand in Hand: Gynäkologen, Radiologen, Pathologen, Strahlentherapeuten und internistische Onkologen konzipieren für jede einzelne Patientin die optimale Behandlung. So werden unnötige Wege, Zeitverzögerungen und Mehrfachuntersuchungen vermieden. Die Behandlung richtet sich nach den aktuellen Leitlinien und entspricht den fachlichen und qualitativen Anforderungen der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Senologie.

Der Raum für die Infusionen ist liebevoll gestaltet - mit Liegesesseln und bunten Blumen an der Wand. Foto: SGFotografie/Krstina Wolf

Bezeichnen ihren Beruf als erfüllend: Kathleen Weigand (l.) und Ann Labinski. Foto: Oberhavel Kliniken/Kerstin Dolderer

















