Nahtlos exzellente Versorgung für MS-Patienten
13.07.2026
Dreißig Jahre können ein Quantensprung sein. In der Technik, im menschlichen Lebenslauf – und in der Medizin. Beispiel Multiple Sklerose: „Wer vor dreißig Jahren die Diagnose MS erhielt, hatte eine wesentlich schlechtere Prognose als Patienten, denen wir sie heute mitteilen“, hält Priv.-Doz. Dr. Jan Dörr fest. Eine gute Lebensqualität bleibe nun meist viel länger erhalten. Der Rollstuhl und andere sichtbare Einschränkungen gehören nicht mehr zwingend zum Bild, das man sich früher von MS-Betroffenen gemacht hat. Dörr ist Leiter des Multiple Sklerose Zentrums Oberhavel in Hennigsdorf und behandelt gemeinsam mit seiner Kollegin, Fachärztin Hanim Akman, derzeit rund 900 Patienten zwischen dem jungen Erwachsenenalter und 86 Jahren. Seit 2016 ist der Spezialbereich an den Oberhavel Kliniken durchgängig von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) unabhängig geprüft und als „MS-Schwerpunktzentrum“ zertifiziert worden.
Also ein doppelter Anlass zu feiern: Neben knapp 30 Jahren MS-Versorgung an den Oberhavel Kliniken konnten Dörr, sein fünfköpfiges Team sowie Prof. Dr. Stephan Schreiber, Chefarzt der Neurologie, bei einer Feierstunde in der Klinik Hennigsdorf am Dienstag auch die 20 Jahre nahtloser Auszeichnung begehen. Als Ehrengast mit dabei: Priv.-Doz. Dr. Karl Baum, einer der profiliertesten deutschen MS-Experten. Er hatte seinerzeit als Chef der Abteilung Neurologie den Schwerpunkt an der Klinik aufgebaut und das Zentrum eine Zeitlang gemeinsam mit Jan Dörr geleitet, bevor dieser komplett übernahm. Heute ist Baum im Ruhestand, erinnert sich aber noch gut an die Anfänge. „Damals steckte die moderne Immuntherapie der Multiplen Sklerose noch in den Anfängen. Mit Interferon stand in Deutschland gerade erst eine entsprechende Behandlungsoption zur Verfügung“, sagte er bei der Feierstunde.
Neben MS werden im Zentrum auch seltene neuroimmunologische Erkrankungen wie NMOSD oder MOGAD behandelt – zum Teil ist dieses Spektrum historisch gewachsen, denn NMOSD galt einst als Variante der MS, bis sie wegen deutlicher werdenden Unterschieden doch als eigenständige Erkrankung eingestuft wurde. „MOGAD wiederum wurde aus dem Formenkreis der NMOSD herausgelöst“, sagt Jan Dörr, der auch an der Charité lehrt und forscht. Die Kriterien würden immer feiner.
In der Diagnostik und Behandlung von MS hat sich ein gravierender Konzeptwandel vollzogen. „Früher reagierten wir auf neue Symptome und Schübe; die Patienten mussten oft mit starken Nebenwirkungen der Therapien leben“, berichtet Dörr. „Heute haben wir das Krankheitsbild der Patienten durch MRT und Blutmarker viel genauer im Blick. Irreparable Nervenschäden sollen gar nicht erst entstehen. Dafür stehen uns moderne, hocheffiziente und nebenwirkungsarme Medikamente zur Verfügung. Einige schalten einen Teil des sich selbst attackierenden Immunsystems aus.“ So könne man das Fortschreiten der MS stark verzögern oder im Idealfall ganz zum Stillstand bringen.
Vertrauen zwischen dem Team und den Patienten ist unabdingbar. Gehören doch neben Spastik, Motorik- und Empfindungsstörungen, Gang- und Blasenproblemen auch Fatigue und Depression zu den vielen Gesichtern der MS. Dann ist Fingerspitzengefühl gefragt. Das Zentrum strahlt mit seiner Expertise ungeachtet seines Namens über Oberhavels Grenzen hinaus. „Von der Ostseeküste bis an die polnische Grenze und den Süden Berlins reicht unser Einzugsgebiet“, sagt Jan Dörr am Ende der Feierstunde und zieht den Kittel über. Die Patienten warten.

Das von Priv.-Doz. Dr. Jan Dörr (M.) geleitete MS-Zentrum ist das größte in Brandenburg. Begründet wurde es vom Ehrengast bei der Feierstunde, Priv.-Doz. Dr. Karl Baum (2.v.r.). Foto: Oberhavel Kliniken/Kerstin Dolderer


















